Was ist Malerei?
In: Malwerke. Tendenzen zur Malerei, Band 3. Offenes Kulturhaus, Linz 1992, S.93 f.


Jeder weiß es. Aber die ersten Antworten sind so falsch wie die letzten. Gleich ob sie spontan und daher anregend oder endgültig und damit leer sind. Malerei ist an sich Kunst. Deshalb ist sie wie die Kunst Indikator unserer Vorurteile und Beschränkungen. Ihre Grenzen sind die Grenzen der Welt (frei nach dem "tractatus logico pictus").
Nun gut, aber was sind ihre Grenzen? Sie hat keine, sie ist eine Grenze - nicht einer Tätigkeit, sondern der Begriffe. Sie hat keine Grenzen, weil es zum Wesen der Malerei gehört, Konturen zu verwischen. Solche wären: Architektur, Musik, Zeichnung, Grafik, Kochen, Fußball, vor allem Plastik bzw. Skulptur, Video, TV, Installationen, Performance, Schifahren, Ökologie, Ackerbau, Medizin, Astronomie, Mode, Design, PC, ASVG, Straßenbau, Lyrik, Keramik, Oper, Handwerk, Technik, eigentlich alles, was nicht Malerei ist.

Da wir nicht genau wissen wollen, was das bedeutet, reagiert das Denken osmotisch, das heißt, bevor man damit beginnt, sich zu überlegen, was z.B. der Unterschied zwischen Malerei und Plastik ist, und da haben sich Theoretiker fleißig gequält, fällt auf, daß aus dem Sammelbegriff (Malerei ist Herstellung von Bildern, Malerei ist der künstlerische Einsatz von Farben, etc.) eine qualitative Kategorie zu werden droht: dann spricht man von "malerisch" als einer auch der Architektur, der Plastik, ja der Musik, dem Denken, dem Karneval zukommenden Eigenschaften des Pittoresken.
Im Bazar, in der Wüste, im Urwald, in den Bergen erschließt sich einer romantischen Sichtweise das Malerische in Analogie zu bestimmten Malweisen. Puristen behaupten, man sähe in der Natur nur das, was man aus der Malerei gelernt habe. Darüber lohnt es sich nachzudenken, weil die Welt-Anschauung je nach Temperament durch die Kunst, die Theologie, die Naturwissenschaft usf. geprägt sein kann. Sie muß nicht durch die Physik und Technik reguliert bleiben, man hat die Möglichkeiten zur Flucht. Auch in diesem Sinn ist die Malerei eine Art Eskapismus, um der Klarheit der Gedanken und Konzepte, der Metaphysik von Ideen und Pilgerschaft zu entgehen.

Vom Versuch einer Definition sind wir etwas abgekommen. Doch Malerei ist mehr (oder weniger) als das Anbringen von Buntfarben mittels Pinsel oder Spachtel auf eine Fläche. Es können auch Hände und Füße, Relief und Körper, der Raum selbst und "unbunte" Farben sein. Malerei ist nicht nur im handwerklichen Sinn eine Tätigkeit, sondern eine Haltung, die unmalerischen Eigenschaften opponiert: der präzisen Linie, der geschlossenen Form, den wohldefinierten Grenzen; Malerei eignet sich nur für Charaktere, die gewillt sind, Normen zu sprengen. In diesem engen Sinn ist es berechtigt, von einer "wilden Malerei" der achtziger Jahre zu fabulieren.

Jeder von den Kritikern und Historikern vorschnell postulierte Trend unterliegt in der epigonalen Multiplikation einer entropischen Auszehrung. Wenn alle malen, werden nur die Besten weitermalen können, ohne in der Inflation formaler Offenheit unterzugehen. Es ist wie mit der Handschrift: sie mag noch so durch ihren eigenwilligen oder ordentlichen oder auch künstlerischen Charakter bestechen, je mehr originäre Schriftgestaltungen zu unterscheiden sind, desto eher wird man auf den Inhalt und die lkonographie der Gedanken achten. Da vermutlich das meiste schon gedacht und überlegt ist, begannen sich Ende der achtziger Jahre Strategien "abzuzeichnen". Die Malerei war nicht am Ende, sondern das Malerische hat wieder eine neue Dimension erreicht, in der nicht Form und Inhalt zu prüfen sind, sondern die Manipulation der Rezeptionsweisen.

Das Malerische schlägt immer wieder zurück und über die Stränge. Deswegen hat es auf Dauer jede Definition ihrer Grenzen schwer. Malerei ist nicht zuletzt zielführend als eine grenzensprengende Lebenshaltung von Menschen, die keine Linie zu haben scheinen, ohne deshalb charakterlos zu sein.

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