Zur Architektur des Sitzens

In: Kunst als Lebensritual. Steirischer Herbst, Graz 1974, S.99-10

Stuhl in Krise

Sesseln, Stühle, Liegestühle, als Basen oder Leinwärde von Gestaltungen seit den 60er Jahren zunehmend verwendet, sind zu ironischen, sarkastischen, auch anklagenden Rahmen persönlicher Aussagen geworden. Das erstaunt. Der Angriff auf das Sitmöbel wird auf allen Linien zeitgenössischer Kunstrichtungen geführt. Eine erste Bestandsaufname (1) ergibt über 100 Künstler, die den Stuhl zum Inhalt ihrer plastischen Gestaltungen haben werden lassen. Der Stuhl macht alles mit, er wird zum Maß jeglicher Bildungen, er erscheint als objektivierter Modul, der sich in Träume, Wünsche, Ängste, Assoziationen, Witze entfaltet, kurz, er ist der willkommenste Anlaß für Projektionen. Mit dieser jäh, vehement auf den Stuhl hereinprasselnden Verzerrung, Verfälschung und totalen Entfunktionalisierung ist der Symbolträger Stuhl in eine Krise geraten, das erste Mal in seiner Jahrtausende währenden Geschichte. Dadurch, daß er in Frage gestellt wird, wird seine Funktion nicht aufgehoben, das Sitzen selbst wird von den Designern der Industrie nah und näher gebracht.

Ob das Schreckensbild des vom Konsum verkrusteten Freizeittrottels gezeichnet, sozialkritisch die Schattenseiten der Wohlfahrtsgesellschaft in Environments durchgebildet, ob sie zu erotischen Kommunikationsobjekten werden, oder wie immer Stühle zum Anlass verschiedenster Verfremdungen werden, durchgehend ist der Stuhl, das Maß des Stuhles Objekt der Aggression, des Angriffs. Das Maß des Stuhles ist der Mensch. Durch die Verwendung des Stuhles als "objet trouvé" wird das Maß des Menschen in Frage gestellt. Das objet trouvé hat als Gestaltungmittel die Würde traditioneller Kunstformen verhöhnt. Wird der Stuhl entwürdigt, so wird seine Bedeutung entweiht, der Ritus des Sitzens befragt.

Stil und Ritual

Das Maß des Stuhles ist der Mensch nicht nur proportionsmäßig, sondern im Stuhl schafft der Mensch bildhaftes Zeichen seiner selbst. Die Betrachtung des Stuhles kann das Idealbild vermitteln, das sich der Mensch vom Menschen macht. Zwar können auch Sitzhaltungen wie die ásanas (wörtlich "Sitze") des Yoga rituell verstanden werden - der Yogi nimmt eine bestimmte symbolische Haltung ein, welche in den erstrebten Zustand lenkt, womit das Ritual des Sitzens subjektiv in eine mythische Ur-Geborgenheit zurückführt - aber der eigentliche Ritus als fester Brauch, als "geregelte und vorgeschriebene Weise, wie eine Kullthandlung vorgenommn wird" (2), entsteht in einer Entschränkung und Aufrichtung der Beine, einer Loslösung des Gesäßes vom Erdboden, einer Angleichung an tektonische Koordinaten. Das Bild würdevoller Ruhe, Muße ist dem seßhaften Besitzenden vorbehalten, er nur konnte zum Kulturträger werden (3). Das Sitzen war ein Akt transzendierender Befreiung, weswegen neben Königen und Priestern oft auch den Ahnen das Ritual des Thronens zugebilligt wurde (4).

Der Stuhl war so sehr Bild des göttlichen und weltlichen Herrschers, daß es diesen sogar zu ersetzen vermochte. Ob man einem assyrischen Relief das Knien der Würdenträger vor einem Stuhl (5) oder an einem Stuparelief Buddha in Gestalt des Thrones betrachtet (6) oder sich erinnert, daß der Stuhl Caesar bei den Spielen vertreten konnte, immer deutet die Anthropomorphisierung auf ein epiphanes Ritual.

In Rom gab es drei Arten von Stühlen : den scamnum oder subsellium, die sella und die cathedra, welche den Frauen vorbehalten war. Wie die Stühle auch hier die Menschen vertraten, kam man der Redewendung Martials entnehmen, für welchen "inter cathedras leben" soviel wie sich unter Frauen aufhalten bedeutet. und die "Frauenstühlchen", die cathedralicii, waren jugendliche Sklaven von zarter, mädchenhafter Schönheit. Von der cathedra für Frauen unterscheidet sich die cathedra des Lehrers durch gerade anstatt gewölbter Rückenlehne, von welcher sich die Bischofscathedra herleitet (7). Die Germanen hatten demgegenüber keine Stühle, sie kannten nur den "Hochsitz" für geehrte Personen. Daß es in Rom im Wohnbereich differenzierte Sitzmöglichkeiten gab, deutet sowohl auf ein erreichtes Maß an Demokratisierung, als auch auf den Reichtum der Bürger.

In der Entwicklung Europas blieb denn auch der Stuhl dem Herrscher (Stuhl zu Aachen) oder Papst (Hl. Stuhl) wie deren Vertretern vorbehalten. Erst in der Renaissance gewinnt der Stuhl im Wohnraum Bedeutung, als repräsentatives Möbel zunächst in den Schlössern des Adels, dann in den Häusern des städtischen Patriziats, wo sie jedoch noch lange dem Hausherrn und seiner Frau vorbehalten waren, während die übrigen Familiermitglieder und das Gesinde auf Bänken und Hockern saßen (8).

Wie sich das Individuum herauskristallisierte und an Bedeutung gewann, löste sich der Stuhl aus seiner Eingebundenheit in den sakralen und herrschaftlichen Bereich. In dieser Zeit wurde die architektonische Form des Stuhles geprägt, er wurde zu einer Kleinarchitektur mit Fassade im Innenraum. Seither ist es auch sinnvoll, eine Stilgeschichte des Möbels zu verfolgen, Ordnungen und Ornamentik wandelten sich bei weitgehend gleicher Grundform.

Als mit dem Aufbruch in die Moderne in der Architektur sich die Stilgewalt auflöste und das funktionelle Gerüst durch den Kanon der Fomensymbolik brach, war auch für die Kleinarchitektur des Stuhles das Ende der stilhaften Aufladung gekommen. Der Stuhl wurde reduziert zum funktionellen Sitzmöbel, das durch die Etikette und Sitte reglementierte und allgemein verbindliche Lebensritual abgelöst durch Reflexionen ökonomischer, gesundheitlicher, praktischer Probleme. Das erste mal konnte die Grundstruktur verlassen werden, die Architektur des Sitzens, durch Jahrhunderte kaum verändert, entließ den Einzelnen in seine persönliche Freiheit. Es fand eine Sozialisierung mit der Ablösung alter Privilegien statt. Die sich im Ritual vollziehende Befreiung, einst von Wenigen für Alle stellvertretend vollzogen, wird von allen gefordert. Prägte durch Jahrtausende der jeweilige Stil den Stuhl, so konnte es anfangs dieses Jahrhunderts sogar zu einem stilpräzisierenden Stuhl kommen (9).

Erst seit die Kehrseite der Freiheit, die Schattenseiten der modernen Industriegesellschaft langsam zu dämmern begannen, die Diskussionen um den zu entrichtenden Preis einsetzten, ein ökologisches Bewußtsein sich entwickelte, überwucherte die Reflexion den alten Symbolträger Stuhl in der Kunst. Der Thron hat sich zum engen gefängnishaften Untersatz stumpfsinniger Arbeit am Fließband und im Büro, roboterhafter Fortbewegung im Verkehrswesen und schaler Langeweile in der Freizeit gewandelt.

Funktion und Freiheit

Der neue Ritus des Funktionalismus hat das statistische Mittel der Proportionen und Bedürfnisse anstelle des architektonischen Maßes gesetzt. Wer "paßt" wirklich in irgendeinen Stuhl? Der Glaube an die Ordnung, an die das Individuum prägende, bergende Kultur ist der Sehnsucht nach Chancengleichheit gewichen. Der Ansturm auf den Fetisch Stuhl ist ein letzter Kampf um die Vernichtung der Utopie eines "funktionellen Wesenskernes", mit der Parole "Jedem sein persönlich erarbeitetes, nicht passiv angenommenes Lebensritual". Sogar Sitzspezialisten, Theoretiker der Möbelindustrie seufzen resignierend : "Der Mensch ist nicht zum Sitzen gebaut", aber doch geschäftstüchtig : "Mit dem Sitzen wird man beginnen und zwar nicht in der Form eines Universalstuhles, einer Sitmaschine, sondern in vielen differenzierten Sitzmöbeln, speziell konstruiert für die einzelnen Einsatzzwecke." (10)

Der Architekt Jörg Mayer arbeitet besessen seit seiner Studienzeit am Stuhl. Schon die ersten Versuche, ganz im Glauben an den Sinn rationeller Argumente für Fabrikation und Verpackung erstellt, waren sofort erfolgreich (11). Gemeinsam war allen die Tendenz, den Stuhl als Objekt zu negieren, sei es, daß die Stühle in Platten zerlegt in Schachteln verschwinden ("leicht zu lagern"), oder sei es, daß sie aufeinandergestellt sich zu eingm Rohr fügen, worin die Form des Einzelobjektes sich auflöst. In exemplarischer Weise führte diese Tendenz zu ihrer eigenen Auflösung, als er 2 Klappstühle und 4 Hocker samt Polsterung so formte, daß diese zusammengepackt den idealen Körper einer Kugel (Durchmesser 72 cm) ergaben. Die Architektur des Sitzens rollte sich ein, im platonischen Urgrund fand das mayrische Design ein Ende. Aus dem idealistischen Endpunkt dieser Versuche entfalten sich seither entfunktionalisierte Stühle, deren Grundgestalt, im Gegensatz zu vielen vom Pol der Plastik herkommenden Werken anderer Künstler, intakt bleibt. Im Rückblick auf die Tradition erliegt er nicht der Versuchung, einen Bruch vollziehen zu wollen, Hass und Verzweiflung abzuladen, der schon zum Ritus gewordenen Tendenz zur Revolution, dem wehleidigen Protest. Seine Stühle entstehen nicht aus einer emotionellen Verbildung, sondern durch, den Stuhl belassende, Akzentsetzungen, die sanantische und historische Erinnerungen wecken :

Der Stuhl auf Glühbirnen (12) führt aus der Serie derFabrikation in eine, durch Licht dem Boden enthobene, würdevolle Sphäre. Das ins Seichte routinierter Gastlichkeit oder beengender Wartezimmer abgeklungene Ritual des Platznehmens wird transponiert und alludiert historische Reminiszenzen. Oh Stuhl ! Stuhl, wem Stuhl gebührt - dem Meister vom Stuhl. Beamtete Sesselkleber, Inhaber wackelnder Lehrstühle, auch verwaisender Beichtstühle träumen von der Autorität einstiger Stuhlherren (Richter) in ihren Stuhlbezirken. Stuhl der Verderbnis-Gnadenstuhl. Mathäus 19,28. Vorsitz-Sitzung. Die Quelle des Lichtes, die elektrischen Leitungen sind die ausgelegten Fallstricke für derlei Assoziationen. Unwiederbringbar verloren ist die festliche Exklusivität des Stuhles, übrig bleibt eine verulkende Individualität, defunktionalisiert zwar, aber mit Hilfe der Glühbirnen wieder dem Alltag angeschlossen.

Auch der Kochstuhl ist ein elektrischer. Gefangen ist der, der sitzt. Wie man sich setzt, so ißt man. Auf dem Freistuhl (der Dingstätte) gab es noch keinen elektrischen Stuhl (geschweige denn Fahr- oder 'heiße' Stühle), aber auch damals saß man seine Zeit ab und trauerte sitzengelassen Erinnerungen nach. In diesem Kochstuhl ist der Stuhlgang potentiell, formal enthalten. Könnte man sich nur zwischen diese zwei Stühle setzen, so bietet der Stuhl auf Schaufeln, der Pflugstuhl, Grund und Boden, auf den man nach wie vor ver-sessen ist. Das Be-sitzen des Stuhles durch eine Nacht übertrug einst dem Herrn das Lehen. Das Sitzenbleiben bescherte Reichtum, heute bleibt man auf der Ware sitzen (oder verliert ein Jahr). Die Ausweisung aus dem Besitztum, die Enteignung, erfolgte früher symbolisch, indem man den Stuhl vor die Türe setzte. Damit saß man wieder auf dem Boden.

Der Mit Lehm überzogene Stuhl führt zurück zur Erde. Kaiserstuhl, Predigtstuhl, Stuhleck .... Verneint der erste Stuhl die Erde, so bejaht dieser sie - auf welcher heute noch immer ein Großteil der Weltbevölkerung Platz nimmt. Der nach wie vor auf seine Vergangenheit stolze Abendländer verachtet in seinem Innersten das faule Lungern und läßt sich nur selten, etwa auf Reisen bei einer Teezeremonie, jovial herab teilzunehmen. Das danach ertönende Stöhnen und Ächzen zeigt die Distanz zwischen den Kulturen, deren Maß der Stuhl ist. Die Kritik an unserem Selbstverständnis, dem Stuhl als Kontinuitätszeichen abendländischen Lebensrituals, mag uns dem Boden wieder näher bringen.

Jörg Mayr archaiisiert zwar im Lehmstuhl, archäologisiert die Gegenwart, aber die Grundform bleibt auch hier wie bei den anderen Stühlen bestehen. Die Art seiner reflektierenden Besinnung kann optimistisch stimmen, den Weg aus der sekundär gewordenen Funktion in eine Freiheit persönlicher (Lebens-) Gestaltung weisen.

Anmerkungen:

1) Ein Rückblick im Magazin KUNST, Nr. 42, 1971. Heinz Ohff, Der Gegenstand als Kunstobjekt. Das Kunstobjekt als Gegenstand. 1. Der Stuhl. Timm Ulrichs, Kunst-Möbel.
2) Lexikon für Theologie und Kirche, 2. Aufl., Freiburg im Br. 1936
3) Eine Kulturgeschichte des Sitzens erlaubt Rückschlüsse von der Struktur des Sitzens auf den anschaulichen Charakter der Architektur. Als Beispiel denke man an die in den Stein gehauenen Sitze der Inkas, die nicht nur die meisterhafte Steinmetzarbeit der Baublöcke sehen lassen, sondern im Fehlen tektonischer Koordinaten und der Symmetrie Rückschlüsse auf die Gebäude zulassen. Die Dächer etwa waren ohne Dach-Stuhl mit Schilf gedeckt.
4) Universum der Kunst, Afrika. München 1968, Abb. 206
6) Universum der Kunst, Assur. München 1961, Abb. 8
7) Propyläen Kunstgeschichte, Indien - Südostasien. Berlin 1971, Abb.31
8) Ugo-Enrico Paoli, Das Leben im Alten Rom. Bern-München 1961, S.102
9) Der Große Brockhaus, 15. Aufl., Leipzig 1934. Kreisel/Himmelheber, Die Kunst des Deutschen Möbels, Bd. I - III, München 1968 - 1973
10) Reyner Banham, Die Revolution der Architektur. rororo 1964, S.157
11) Frank Thurm, Die Sitzmaschinen - pro und contra. Die Presse, 7.4.72.
7. concorso internazionale del mobile. Cantú 1967. 1. Preis (Thema "Einzelmöbel"). Stapelbare Kartonstühle für ein Studentencafe veröffentlicht in domus, 450, Mai 1967. Anerkennungspreis, Internationaler Technischer Ideenwettbewerb, Bayer-Leverkusen 1969. Kindermöbel aus gefaltetem Karton veröffentlicht in: domus 475, Juni 1969; md, Juni 1969; werk Nr. 5, 1970; l'architecture d'aujourd'hui, Februar-März 1971.
12) Mehrmals veröffentlicht: "Des Kaisers Neue Kleider", Neue Galerie, Graz 1974; Navone/Orlandoni, archittetura radicale, Mailand 1974; casabella 387, März 1974

Joseph Kosuth: One and Three Chairs, 1965

Der Autor

 

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