HOME | ARCHIV | BIBLIOGRAFIE | BIOGRAFIE |TEXTE | E-MAIL
   

KUNST STIRBT EBEN
In: Noëma Artmagazine Nr.10/1987, S.82

Erfeuliche Meldungen: Ein japanischer Konzern unterstützt mit Millionen die Verrestaurierung der Sixtinischen Kapelle, um Michelangelo exklusiv mediengerecht bunt anbieten zu können, weltweit; Putzbrigaden in München und Düsseldorf verräumen Werke von Joseph Beuys dorthin, wo sie, ihrem Hausverstand entsprechend, am besten hinpassen: in den Kübel; unter der Führung international renommierter Experten werden 70% (mehr oder weniger) der gefeierten Rembrandts minderbegabten, gar namenlosen Schülern zugewiesen; die Luftverschmutzung beschleunigt den Verfall von Plastiken und Architekturen so rasch, daß man mit dem Ersatz nicht mehr nachkommt, usw. usw.

Wieviel gibt es eigentlich noch an orgininalem, gesichertem Bestand? Es wird zwar noch ein paar Schreckensjahrzehnte brauchen, aber eine Neuorientierung ist gewiß, allein schon aus finanziellen Gründen. Die Zerstörung des künstlerischen Erbes wird bald schneller voranschreiten, als man mit dem Reparieren nachkäme. Oft schon wird der Moment erreicht, wo die Rekonstruktion oder Instandhaltung eines Kunstwerkes mehr Mittel verschlingt, als es ursprünglich gekostet hat. Schon heute muß man sich entscheiden, was man erhalten will und was dem Verfall preisgeben kann. Den Verantwortlichen ist die Panik noch nicht anzumerken, trotz aller Verzweiflung versucht man Ruhe zu bewahren und allgemein zu beschwichtigen: "Kein Grund zur Sorge, Caesium beschleunigt das Wachstum der Pflanzen, Sandoz und BASF haben im Verlauf einer chemischen Rheinigung nur Unkraut vernichtet, die Industrieabgase nagen lediglich am übeflüssigen Firnis der Gemälde und der Stephansdom ist sowieso zum Großteil neueren Datums, etc."

Noch ließe die Öffentlichkeit sich gar nicht beunruhigen, weil einstweilen genügend übrig geblieben ist, und man sich in den letzten Jahrzehnten ohnehin aus Profitsucht hemmungslos an Baudenkmälern vergangen hat, in kultureller Blindheit, politischem Egoismus, behördlicher Inkompetenz und öffentlicher Stumpfheit.

Solange der Mensch mit der Spitzhacke schneller tätig wird als der natürliche Verfall, wird ihm nicht das krasse Mißverhältnis von beschränkter Lebensdauer und Unsterblichkeitsanspruch deutlich. Jeder vernünftige und halbwegs gebildete Mensch hat sich dieses idealistische Erbe bewahrt, das Meisterwerken einen sogenannten Ewigkeitswert zuerkennt. Der Schock ist vorauszusehen, wenn dieser quasireligiöse Anspruch mit der ganzen Brutalität der Umweltverseuchung zusammenprallt. Der kunstselige Massenwahn mit seinen Großausstellungen und unzähligen Museumsgründungen kompensiert nicht mehr lange die Gewißheit, daß Kunst zum Sterben verurteilt ist, wie alles vom Menschen Geschaffene.

Wer dann alles für die Vergangenheit einsetzt, wird keine Mittel mehr für die Gegenwart haben. Bald schließt sich der Kreis: Statt einem Lebensbedürfnis befrieden wir dann wie die Ägypter die Angst mit einem konsequenten, mumifizierenden Totenkult, statt aktuelle Kunst zu fördern, füllen wir Geschichtskonserven. So verliert die Menschheit in retrospektiver Nabelschau-Verrenkung nicht nur die Zukunft der Natur, sondern auch der Kultur.

Barbarische Besitzgier und heidnischer Fetischismus hat das Menschheitserbe museal erstickt. Wer bis ins Grab joggt und sein alterndes Antlitz mit den hart erarbeiteten Faltenzügen liften läßt, kann auch den Verfall von Kunst nicht
ertragen und fordert das Keep-smiling der Fassaden.

Bereits der Begründer der Kunstgeschichte als Wissenschaft, Alois Riegl
(1858 -1905), das methodenstiftende Haupt der Wiener Schule, hat diese Hybris klar durchschaut. Er, dem wir die erste Denkmalschutzgesetz-Fassung verdanken, ein Museumsmann und Wissenschaftler, an dem sich alle Größen des Faches orientierten, hat in seinen letzten Lebensjahren dem "Alterswert" alles untergeordnet.

Nicht Marcel Duchamp oder Joseph Beuys verdankt der Kunstbegriff die radikalste Ausweitung seiner Geschichte. Mag sein, daß der große Künstler wie der göttliche Demiurg aus Materie kunstvolles Leben schafft, vielleicht ist dem Ästheten alles, auch das Geringste schön, wahrscheinlich erträgt man moderne Zeiten nur im Glauben, jeder sei ein Künstler und das größte Kunstwerk sei das gestaltete Leben. Viel spricht für solcherlei romantische Träume, aber nichts an solchen Ideen erreicht die revolutionäre Einsicht Riegls, der die Schmerzgrenze des historischen Bewußtseins tief empfunden hat.

Professionelle Abendländer versetzt seine Dialektik nach mehr als 8 Jahrzehnten noch immer in Panik:
1) alle finden den Alterswert, durch welchen sich alte Denkmale von modernen Werken unterscheiden, stimmungsvoll;
2) alt-wirkende neue Objekte verstimmen genauso wie neuwirkende alte Werke;
3) folgerichtig verdammt der "Kultus des Alterswertes" iede Restaurierung;
4) die "ewige Schaustellung des Kreislaufes vom Werden und Vergehen ... bleibt auch dann garantiert, wenn an Stelle der heute existierenden Denkmale künftighin andere getreten sein werden." (Der moderne Denkmalkultus, 1903, S. 164).

Die Quintessenz lautet: "Ewige Erhaltung ist überhaupt nicht möglich; denn die Naturkräfte sind am Ende stärker als aller Menschenwitz, und der Mensch selbst, als Individuum der Natur gegenübergestellt, findet durch sie seine Auflösung." (171 ) Und Riegl ergänzt hoffnungsfroh, daß der Verzicht auf irdische Unsterblichkeit durch die "Ausbildung der kunsttechnischen Reproduktionsmittel" ermöglicht werde. Mit anderen Worten, auf heutigem technischen Niveau erspart die perfekte Reproduktion überhaupt die Versuche, den Verfall zu stoppen. Und dem allen liege "ein echt christliches Prinzip zugrunde: jenes der demütigen Schickung in den Willen des Allmächtigen, dem sich der ohnmächtige Mensch nicht frevelhaft vermessen soll in den Arm zu fallen." (186)

Folgt man in christlicher Demut diesem Konzept, lösen sich manche Probleme wie von selbst: Milliarden von Steuergeldern könnten gespart werden. Der maßlose Preise erzielende Kunstmarkt bricht zusammen, da die Nachfrage durch den Überfluß geräumter Depots mehrfach zu befriedigen wäre. Dem modischen Lamentieren zeitgenössischer Apokalyptiker könnten nicht nur Endzeit-Schwelger gelassen lauschen. Sensationsmeldungen wie "Wahnsinniger verbrennt einen Velazquez im Züricher Kunsthaus" hätten einen normalen Sinn: Kunst stirbt eben, der Mensch auch, entweder durch Unfälle oder von selbst.

 

up