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Arme Paten
In: Noema Artmagazine Nr. 11, April/Mai 1987, S.82
Gerade haben wir zu begreifen gelernt,
daß die heftige Malerei uns aus der lähmenden Starre müde-esoterischer,
multimedialer Nabelschau der 70er Jahre aufgerüttelt hat, und nun
die Farbe gewissermaßen aus dem Bauch herauskäme - und schon
dreht sich das Schwungrad dieser Mafiosi weiter, damit das Geschäft
mit der Ware läuft und läuft. Ein guter Kritiker hat viele
Feinde. Künstler, Galeristen, Sammler, Publikum und natürlich
die anderen Kritiker.
Die Künstler setzen in ihn ihre Hoffnungen. Er möge sie durch
seine Zustimmung fördern, seine Abschätzung dagegen trifft
sie ins Mark. Er ist der Sündenbock; weil er schlecht geurteilt
oder gar nicht geschrieben hat, bleibt die Ausstellung leer und läßt
sich der Museumsdirektor nicht blicken. "Sie haben mich 1960 mißverstanden,
seither bin ich erledigt", oder so ähnlich jammert es ihm
vorwurfsvoll entgegen.
Den Galeristen vermasselt er die Konzepte und Strategien. Alle Investitionen
sind abzuschreiben, wenn der Zeitgeist bereits die nächste Autobahnabfahrt
nimmt oder sicherheitshalber im Allrad (4WD) gar über einen Ackerpfad
rumpelt. "Es war doch klar, daß nach den Wilden die Neo-Geo
(Neue Geometrie) kommen mußte, und Sie propagieren aus heiterem
Himmel den Neo-Futurismus, diesen unsagbar bunten Flitterkram."
Die Sammler verlieren nicht nur Geld, sondern, viel schlimmer, ihr Prestige
an der Imponier-Börse der Ästhetik-Aktien, wenn der Trend
plötzlich umschlägt. Kurse taumeln, Stars stolpern, alle verschleudern
inflationär jüngste Aquisitionen. "Nur um mir eins auszuwischen,
setzt dieser eitle Schreiberling auf eine neue Karte - hätte ich
doch auch ihn das letzte Mal nach Mauritius zum Fischen mitgenommen."
Aber von welchen Kritiker-Päpsten sprechen wir eigentlich? Von
den Feuilleton-Maulhelden, die mit spitzen Lippen ihre Gourmet-Häubchen
verleihen; von den Gesandten und Hofberichterstattern, die ihre Statements
an eines oder mehrere der 100 internationalen Kunstmagazine schicken;
von den retrospektiven Aufsetzern, die nachträglich ihre Prophetien
verifizieren; von den schöngeistigen Handwerkern der Lokalpresse?
In jeder Podiums- und Publikumsdiskussion ist von Steuergeldern und
der Kunstmafia die Rede. Eine kleine Clique von Jet-Set-Kritikern, brutalen
Händlern, gefügigen Ausstellungsmachern und korrupten Museumsdirektoren
treffe sich regelmäßig in den Tessiner Zweitvillen, um die
Torten der Kulturbudgets gerecht aufzuteilen. Diese Absahner ließen
Neulinge nur nach langjährigen Service-Leistungen heran und hätten
an sowohl echter Qualität als auch billiger, keinen Profit versprechenden
Ware kein Interesse. Hier herrschten Korruption, Willkür und Freunderlwirtschaft,
wie bei allen multinationalen Gemeinschaften. Nur Naive könnten
den Tatbestand bestreiten. In konzertierten Aktionen riefen sie nach
Belieben neue Moden aus. Wie in der Wall-Street kassierten Insider sagenhafte
Profite.
Die neueste Nachricht (Madrid, Februar 1987), den Amerikanern sei es
mit dem Neo-Konzeptionalismus (den neuen "Paten", Organisator
der Ausstellung El Arte y su Doble, Dan Cameron, sollte man sich
merken) wieder gelungen, das Ruder zu ihren Gunsten herumzureißen,
wird mit dem Hinweis auf unvorstellbares Kapital und imperialistische
Machtpressionen quittiert. Der Glaube an dunkle Mächte und das
große Geld scheint grenzenlos.
Nehmen wir einige Paten der "Kunst-Mafia" einmal ins Visier.
Ein Krifiker-Papst verkündet ein unfehlbares Dogma und wird von
der ästhetischen Kirche unter die Großen gereiht. Im Gegensatz
zu den religiösen Wahrheiten kommt aber den historischen nur eine
beschränkte Wirksamkeit zu. Zwar hat Kahnweiler auch heute noch
mit seinem Engagement für den Kubismus recht, aber keine Aktualität.
Als 1960 das unumschränkte Diktat der "Abstraktion als Weltsprache"
vor allem im Imperium der Ecole de Paris mit dem Knalleffekt eines neuen
Realismus gebrochen war, war ein neuer Star geboren. Der Kritiker Pierre
Restany gab der Gruppe "Nouveaux Realisme" ihren Namen und
sonnte sich fortan im Lichte der Yves Klein, Daniel Spoerri, Arman,
Hains, Christo u. a.
Als der Schokoladen-Fabrikant Peter
Ludwig mit seinen massiven New Yorker Ankäufen die Pop-Kunst in
Europa lancierte, konnte er zum herrschenden Sammler-Despoten werden,
mehr als mit seinen ohnedies prachtvollen Beständen an mittelalterlicher
oder präkolumbianischer Kunst. Hier haben wir zu einem Zeitpunkt
die klassische Bestätigung der These von Kritiker und Kapital als
Kunst-Mafia. Manch anderes Beispiel wäre zu nennen. Beschränken
wir uns auf den römischen Kunstgeschichtsprofessor Achille Bonito
Oliva, der Ende der 70er Jahre den Begriff "Transavantgardia"
aus der Taufe hob und mit ihm die italienischen Superstars Chia, Clemente,
Cucchi u. a.
Plötzlich aber ist er nicht mehr gefragt. Schon jetzt ist es Veranstaltern
fast peinlich, wenn sie einen noch vor Wochen kostbaren Termin ergatterten,
und wer kann überhaupt noch das Vokabel "Postmoderne"
aushalten?
So ähnlich ist es Restany ergangen, der nur einmal einen Coup landete
und seitdem als geistiger Pensionär agiert. Dem französischen
Staat ist es seither trotz Kultur-Milliarden nicht mehr gelungen, Paris
zu einem Kunstzentrum aufzupäppeln, von dem mehr Impulse als von
Köln ausgingen. So ähnlich ist es Ludwig widerfahren, dessen
Millionenaufwand auch von seinen Adlati belächelt wird, wenn er
z. B. in bulgarischen Ateliers sozialistisch-realistischen Schund erwirbt.
Die Mär von den Paten einer Mafia ist eine etwas phantasielose
Deutung geschichtlicher Komplexität.
Alle Päpste und das Kapital, alle Paten dieser Welt springen auf
anfahrende Züge oder werden zufällig von den Blitzen des Zeitgeistes
getroffen, aber erreichen selbst nichts. Für den einzelnen ist
es ein schwerer Schlag, für die anderen trostreich: Ein guter Kritiker
war es nur einmal.
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