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Humorlose Künste
Klage darüber, dass es im Museum so wenig zu lachen gibt.
Notiz 1996

Schon in der Antike gaben die Künste selten Anlass zum Lachen. Nur dort, wo die ästhetischen Regeln verletzt wurden, also im Hässlichen wurde ein befreiendes Lachen laut:
Parmeniskos war in die Höhle des Trophonios gestiegen und hatte ihre grauenvollen Wunder gesehen. Seitdem konnte er nicht mehr lachen und befragte das Orakel von Delphi, welches ihm antwortete, daß ihm die Mutter in ihrem Hause die Fähigkeit zum Lachen wieder verleihen werde. Als nun Parmeniskos nach Delos kam, suchte er das Bild der Mutter des Gottes, der Latona. Dies wurde ihm in einem unförmlichen Klotz gezeigt, worüber er, der eine schöne Bildsäule zu schauen erwartet hatte, zum heftigsten Lachen erregt ward. So hielt das Orakel sein Wort.
(1)

Schallendes Gelächter in Museen ist selten und wird selbstverständlich als störend empfunden. Öffentliche Sammlungen werden nach wie vor in der Tradition des 19. Jahrhunderts für „ästhetische Kirchen“ gehalten, und dementsprechend anständig hat man sich zu benehmen. Anders verhält es sich bei zeitgenössischen Künstlern. (2) Büttner, Herold und Kippenberger, Mike Kelley und Richard Prince können ihre Scherze schon so weit treiben, dass einem das Schmunzeln gefriert. Derbe Scherze findet man nicht nur in Karikaturen und Comics, sondern als Altherrenwitze auch bei Dadaisten und Marcel Duchamp. Es lohnt sich nur selten, sie in einer noch ausständigen „Sammlung des künstlerischen Humors“ zu berücksichtigen. In André Bretons Anthologie des Schwarzen Humors (3) gibt es überhaupt nichts zu lachen, was man sofort versteht, wenn man die Selbstporträts-Collage des Surrealisten-Papstes ansieht. Berühmtestes dadaistisches Beispiel ist die mit Bart versehene Mona Lisa mit den fünf Buchstaben „L.H.O.O.Q“, die sich zusammengezogen lesen: „Elle a chaud au cul“, soviel wie „Ihr ist heiss am Arsch.“

 

 

 

 



 


Da jeder Witz historisch gebunden ist, bedarf es bei geschichtlichen Werken der
interpretativen Reflexion, die zugleich die unmittelbare Wirkung zerstört. Man weiss nach der Berücksichtigung kulturspezifischer Eigentümlichkeiten höchstens, warum man in der Renaissance eine Kinderzeichnung in einem Bild von Giovanni Caroto (1480-1546) komisch gefunden hat.

Gewiss, man lernt daraus, aber das Lachen wird man sich ohne Anstrengung verkneifen können.

Vielleicht liegt es darin begründet, dass dem Versuch, an der Universität München „1.April - Vorlesungen“ einzuführen, kein nachhaltiger Erfolg beschieden war. Im besten Fall gibt es so etwas wie Situationskomik, aber der Zwang über Bilder sprechen zu müssen, ist an sich so tragisch, dass der „fachliche“ Humor generell bei Kunsthistorikern zu kurz kommt. Selbst in der Musik gibt es mehr zu diesem Thema. Eines Lachkrampfes konnte ich mich nur schwer erwehren, als ich zum ersten Mal die Furz-Kompositionen von Cornelius Kolig zu hören bekam. (4)

Sogar in so trockenen Fächern wie „Deutsch als Fremdsprache“ fällt einem mehr zum Thema ein, als der Kunstwissenschaft. (5) Fast schon unsterblich ist die Szene von Loriot, als der Ehemann das Schlafzimmer betritt und sich folgender Dialog entwickelt:
Viktor: Ich heiße Viktor. Ich wiege 82 Kilo.
Er: Ich heiße Herbert. Mein Zug fährt um 19 Uhr 26.
Sie: Das ist mein Mann.
Er: Das ist meine Hose.
Viktor: Das ist meine Aktentasche.
(6)

Wie weit oder wie eng die Bandbreite kultivierter Witze ist, zu der es Universitäten gebracht haben, verrät das Seminar „Verbildungsimpulse durch Witze“ von Klaus Dieckhoff, Professor für Andragogik (Erwachsenenbildung) an der Universität Bamberg. Sein Witz, den er empfiehlt, weil er die Forderung, die „menschliche Würde“ nicht zu verletzen, erfüllt, lautet:
Es ist Herbst und im Pfarrgarten sind die Birnen reif. Da der Pfarrer seine Schäfchen kennt, bringt er ein Schild am Birnbaum an: „Der Herrgott sieht alles.“ Am nächsten Morgen fehlen die Birnen, und das Schild ist ergänzt um die Aufschrift: „Aber er verpfeift uns nicht.“
(7)

Die humanistische Ambition wird man zu würdigen wissen. Aber das Niveau erinnert an den Grundschulwitz:
Lehrer: Der liebe Gott ist nicht nur allwissend, er ist auch allmächtig!
Der kleine Sepp: Aber Radfahren kann er nicht.


Im übrigen wird man in der Kollegenschaft scheel angesehen, wenn man, wie es dann heisst, den Pausenclown spielen will. Ich erinnere mich an viele Lacher in Lehrveranstaltungen der letzten zwei Jahrzehnte, aber es fällt mir keine einzige Situation ein, wie das jeweils gelungen war. Das hält aber davon ab, Witze wiederholt erzählen zu wollen, denn das ist womöglich die ungehobeltste Form von Humor. (8)

Anmerkungen:

1) Karl Rosenkranz: Ästhetik des Häßlichen, 1853, Reclam, Leipzig 1990, S.342
2) Dazu gibt es die zwei Bände „Humor“ des Periodikums KUNSTFORUM
3) Erstausgabe Paris 1940, Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins 1979
4) T.Z.: Der Krieg, die Kunst und das Schasen. In KRIEG, Katalog der Landesgalerie Kärnten, Klagenfurt 1996, S.22-25
5) Martin J. Schubert: 1200 Jahre Deutsch als Fremdsprache. Dumme Witze im Fremdsprachenunterricht seit den Kasseler Glossen. In: POETICA, Zeitschrift für Sprach- und Literaturwissenschaft, 28. Bd., H.1-2, München 1996, S.48 ff.
6) Zitiert nach: Schubert (Anm.5)
7) Zwischenfrage: Kennen Sie den schon Herr Dieckhoff? Süddeutsche Zeitung Nr.242, Die Hochschulseite, 19./20. Oktober 1996, S.47
8) Dass es neben Witz und Humor auch Komik, Scherz, Satire, Zote, Schwank, Karikatur, Ironie, Kalauer, Parodie und dergleichen zu unterscheiden gilt, hat schon Sigmund Freud systematisierungsfreudig in „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“, betont.

 

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