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FAZ Sonntags-Zeitung, 2. Oktober 2005
Kultur-Tip von Axel Dielmann
»Rodin Beuys« in der Schirn Frankfurt
Musil Duchamp im Buch von Thomas Zaunschirm
(Die Sonntags-FAZ vom 2. Oktober war so freundlich, diesen kleinen Kultur-Tip
abzudrucken er steht hier in etwas ausführlicherer Form,
weil es eine großartige Ausstellung zu besuchen und ein leider
vergriffenes Buch zu entdecken gibt, nämlich:)
Ein Ideen-geschichtliches »Als ob«
Die Kulturreise, die ich für diesen Sonntag empfehlen möchte,
ist äußerlich schnell gemacht: in die Schirn Frankfurt! Der
Ort, den man dabei in der Ausstellung »Rodin Beuys« aufsuchen
muß, ist für gewöhnlich nicht so leicht zu erreichen:
Man muß zwischen zwei nicht mehr Lebende treten, in »eine
Mitte«, wie Rodins zeitweiliger Sekretär Rilke formuliert
hätte, »in der
ein großer Wille steht«.
Es ist der Wille, weit unter die Oberflächen modellierter und gezeichneter
Figuren zu gelangen, Körper so tief zu durchdringen, daß
kaum zu benennende Wesenheiten zum Ausdruck kommen die Kraft
in einem Arm, der einem Torso fehlt, und die dennoch zu spüren
wird wie ein Phantomschmerz; die Wärme eines Frauenaktes, der wie
von Schiele modelliert entspannt liegt, aber Zeit sichtbar macht, indem
er bewußt offenhält, daß wir nur eine Schwarte aus
Gips sehen; die Kraftfelder um Körper herum, die als präzise
Aureolen um gezeichnete Figurinen entstehen, wenn beim Darüber-Aquarellieren
das Papier verschrumpelt, als wären die sich ausbildenden Wellen
en detail geplant gewesen.
Die Ausstellung »Rodin Beuys« lädt ihre Besucher ein,
so zu tun, als hätten die beiden Künstler sich gekannt, gut
gekannt, sich sogar kräftig ausgetauscht über die Erfahrbarkeit
und Sichtbarmachung des Unfaßbaren. Dem war freilich nicht so:
Als Beuys 1921 geboren wird, war Rodin bereits vier Jahre tod.
Aber dieses »als ob«, das die Ausstellung vorgibt durch
die alternierende Hängung von Arbeiten der beiden Künstler,
ist eine hinreißende Methode, wissenschaftlich völlig unhaltbar,
selbst für die weicheren Kulturwissenschaften, soviel ist klar,
aber das Ergebnis und das Erlebnis ist großartig!
Vor Jahren hatte ein Buch einmal eine ähnliche Unterstellung aufgemacht.
»Robert Musil und Marcel Duchamp« von Thomas Zaunschirm
hatte so getan, als würden diese beiden sich gekannt haben, in
Austausch gestanden haben über ihre Arbeiten, ihre grundsätzliche
Weltsicht. Des Physiker-Schriftstellers Musils Liebe zum Schach, die
der Ready-Made-Performer Duchamp teilte, die Überzeugung von Duchamp,
die Frauen stellten das intelligentere, interessantere, kraftvollere
der beiden Geschlechter, welche Überzeugung Zaunschirm bei Musil
zigfach belegt fand das waren Grundsätze, über die
sich beide abgestimmt zu haben schienen. Dazu Vorgehensweisen, Arbeitshaltungen,
Vorlieben, denen das Buch nachspürt, als hätte es einen geheimen
Briefwechsel in petto das alles als eine Art luftiger, wagemutiger
Arbeitshypothese, um den spürbaren Ähnlichkeiten noch mehr
Nachdruck zu verleihen und entlang der simulierten Bekanntschaft
der beiden immer weitere, immer frappierender Ähnlichkeiten der
Werke aufzudecken und neue Seiten abzulauschen.
Wer das Buch, damals im Ritter Verlag erschienen, inzwischen fast nur
noch im Modernen Antiquariat zu gelegentlich zu finden, leider
wer das Buch ergattern kann, wird diesen spekulativen Austausch zweier
großer Köpfe zu verfolgen nicht müde werden und ihn
mit zu simulieren ebenso große Freude haben wie beim Entdecken
der Ähnlichkeiten und der so nie stattgefundenen Künstler-Freundschaft
zwischen Beuys und Rodin. Vor allem aber wird man, an der »Rodin
Beuys« Ausstellung wie an dem Musil-Duchamp-Buch, eine Methode
des »als ob«, ein Konzept der »virtuellen Freundschaften«
entdecken, die das eigene Repertoire zukünftiger Weltsichten erheblich
bereichern dürfte.
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