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Wien, im März 2007

Gedanken aus dem Ruhestand

Der Versuch meinen Abschied als private Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen, ist kläglich gescheitert. Während ich in Wien unter den Spezialitäten eines fürwahr überschwänglich servierten Degustationsmenüs von austrifizierten EU-Verwaltungsvorschriften immer wieder zusammenzucke, wovon die Erfahrung, dass die neuen Fahrzeugnummertafeln (W 51525 Z) nicht auf den ca. 5mm kleineren Rahmen aus Deutschland passen, eine eher periphere ist und nur die graduelle Mißmutigkeit für ein reich entfaltetes Spektrum zwischenmenschlicher Kommunikation spricht (z.B. die schlechte Laune der Damen der sog. Parkraumbewirtschaftung, die einem das Park-„Pickerl“ für den eigenen Bezirk gewähren) andererseits das unverhoffte Entgegenkommen (z.B. bei der Finanzbehörde, die eine in Österreich NOVA genannte faktische Verzollung eines eingeführten PKWs eintreibt) wieder versöhnt, während daheim die Maler die heruntergekommenen Fensterrahmen und den springenden Putz mancher Zimmerwände mit der für Schwarzarbeiter typischen aufmerksamen Zuneigung behandeln, während ich einmal in der Woche bei der Hauptstelle der Pensionsversicherung zu einem Privatissimum auf Besuch bin, und mich selig dünke, immerhin den ersten Bescheid der Berliner Pensionsversicherungs-anstalt über die Höhe der mir von dort zugesprochenen Pension von 11,89 € (in Worten elf Euro, neunundachtig Cent) erhalten zu haben, während darüber hinaus die Gourmet-Einladungen vom Kunsthaus Bregenz anlässlich der Ausstellung Re-Object (mit den anwesenden Künstlern Gerhard Merz und Jeff Koons) bis zum Museum Moderner Kunst in Wien angesichts einer Yves Klein-Aussstellung mehr oder weniger kritisch mit mancher Enttäuschung und überraschenden Entdeckungen genossen werden können - und vor allem der Umzug ohne Probleme und um zehn Prozent billiger als im Kostenvoranschlag vollzogen wurde, also kurz gesagt und um auf den Punkt zu kommen: im Kontrast zu allen Alltagsgeschehnissen staune ich noch immer über die mir in Essen vor der Abfahrt ins Auto geschobene Geschenkkiste, deren Schätze noch gebührend zu genießen sein werden. Um es weniger umständlich zu formulieren. Ich bin noch nach Wochen trotz einer sozusagen teilweise harten Landung in Wien von Dank erfüllt.

Scheitern will gelernt sein. Aus meiner manchen vermutlich überheblich und arrogant scheinenden Verweigerung offizieller Verabschiedungen durch den Dekan oder durch den Rektor, die mit der Überreichung einer Urkunde dekoriert werden sollte, oder schon früher aus Anlass irgendwelcher runder Geburtstage in Aussicht genommenen Festschrift oder eines Symposiums oder jedweder mir im Herzensgrunde peinlich dünkenden offiziellen Feierstunde, was mir immerhin jeweils großmütig und nachsichtig gewährt wurde, hat man nicht einfach die Konsequenz gezogen und mich in Ruhe gelassen. Nein ganz und gar nicht, was ich mit einer mir selbst unbekannten Rührung registrieren musste.

Zunächst gab es eine Reihe von Abendessen mit einigen launigen Geschenken, davon eines bei Susanne Düchting, die sich die Mühe machte, einige Dissertanten, auch aus meiner Freiburger Zeit einzuladen, von welchen dann tatsächlich welche aus Paris (Markus Castor) und Basel (Sebastian Egenhofer) anreisten. Auch Joachim Driller kam aus Aachen, wo er derzeit eine Vertretungsprofessur wahrnimmt. Später bekam ich von ihm eine Kiste „Pilgernahrung“ mit Printen in der noch zu besprechenden Kiste mit, die wir in der Zwischenzeit mit Genuss vertilgt haben. Von Claudia Reiß, deren Dissertation über Ekel fertig vorliegt, bekam ich Etiketten mit der Aufschrift „ESSEN -UNPERFEKT“. Natürlich werde ich diese nicht zu denunziatorischen Zwecken gegen die Kulturhauptstadt 2010 einsetzen, sondern gegen Restaurants, die einem Minimalstandard nicht entsprechen.

Zu meiner um eine Woche vorgezogenen Abschiedsvorlesung am 30. Januar, auf die ich nicht eigens aufmerksam machte, wählte ich das Thema Möbel für den Ruhestand. Ausgehend von der Freudschen Couch mit Rückblicken ins Biedermeier und Ausblicken bis in die Gegenwartskunst reichte der historische Bogen für das ersehnte Ruhekissen. Eine mit Gaben garnierte Abschiedsrede meiner Kollegin aus der Germanistik Ulla Renner-Henke und langer Applaus der Studierenden schien mir selbst die beste Form eines Abschlusses meiner Universitätslaufbahn, die 1974 in Salzburg begonnen hatte. Doch ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, der sich als redlicher Konditormeister im Auftrag der Studierenden ans Werk machte, von dessen kunstvollem Ergebnis ich dann völlig überrascht werden sollte. Das  „Wien um 1900 -Architektur“-Seminar am Mittwoch endete mit meinem lapidaren Hinweis, dass ich in der folgenden Woche auf die abschließende Diskussion verzichten wollte. Nur eine Studierende hatte mich mit ihrer von getrübtem Sinn geprägten E-mail und dem Hinweis stutzig gemacht, dass ja am Donnerstag meine Verabschiedung stattfinden werde. Davon wusste ich nichts und nahm es daher auch nicht ernst, weil ich schließlich selbst davon hätte wissen müssen. Außerdem hatte ich keinen Termin frei, denn es musste noch fertig gepackt werden.

Das letzte Seminar über Werner Hofmann, mit dem ich mich noch am vorangegangen Wochenende in Hamburg getroffen hatte, verlief wie immer, auch wenn es mir etwas unruhig schien. Fälschlichereweise glaubte ich, dass  eine Unterschriftenliste herumgereicht würde - als Erinnerung, die man mir vielleicht mitgeben wollte.

Aber es kam anders. Die letzte Referentin brach mit den ergänzenden Abbildungen zu ihrem Vortrag einfach ab, die Tür ging auf und eine riesige Torte wurde mit Kerzenbeleuchtung in den Seminarraum geschoben, dahinter strömte eine unüberschaubare Menge herein, die auch mitnaschen und Kaffe trinken wollte. Ich war so perplex, dass ich nicht wie üblich mit dem Reflex reagieren konnte, in die Erde zu versinken. Eine Rede fiel mir nicht ein, so faselte ich etwas über ein vergessenes Buch des Salzburger Analytikers und Psychologen Igor Caruso, dass jeder Abschied ein kleiner Tod sei, weshalb man sich schwer sentimentaler Stimmungen entziehen kann. Ganz pauschal muss ich mich bei allen jenen Studierenden bedanken, die mir mündlich für das selbstverständliche Wirken eines Lehrenden gedankt haben und auch manchmal etwas von der Vorbildhaftigkeit meiner Lehre sprachen. An dergleichen habe ich nie gedacht, und zum Beweis anderer Sichtweisen könnte ich (sehr ungern allerdings) aus den Ergebnissen entsprechener Evaluationen zitieren, deren Fragen gleich damit beginnen, ob man eingangs die Lernziele klargemacht habe, so als ob es wünschenswert wäre, noch vor einem Seminar zu wissen, wie es sich entwickeln würde.

Zurück zur schokoladeüberzogenen Torte. Die besorgte Frage, ob es sich bei dem radgroßen Ungetüm um eine Art Sachertorte handelte, musste ich verneinen und zugeben, dass sie wegen ihrer (dem Original fehlenden) Marzipanschicht eindeutig besser wäre. Den Aufsatz, den zentralen Förderturm der Zeche Zollverein aus Schokolade gebaut, nahm ich mit. Das Kunstwerk wurde allerdings bald Opfer der Naschsucht meiner 8jährigen Enkelin Elsa, die noch einmal in „ihr geliebtes Deutschland“ zu Besuch gekommen war. Das klingt fast wie ein Witz, aber gegenüber Kindern ist man im Pott viel netter und aufmerksamer als in Wien, wo der Grant der Oberkellner legendär ist. Eine Zwischenaufnahme zeigt das Schokoladengerüst noch in halbwegs heilem Zustand auf dem Teller mit dem Froschkönig.

Der Umzugs-LKW kam am 9. Februar. Bevor wir dann am Samstag, dem 10. nach Wien fuhren, ging ich nicht mehr in die Uni, die Schlüssel hatte ich schon abgegeben. Noch einmal kam Susanne Düchting mit einer Kiste vorbei, deren Inhalt sich allerdings erst in Wien offenbaren sollte. So viele originelle, nützliche, künstlerische, aber auch von der Herkunft ungeklärte Gaben (wie eine absenderlose Affentaler-Weinflasche aus dem Badischen) habe ich selbst zu Weihnachten nie bekommen. Ohne die vielen anderen irgendwie schmälern zu wollen, möchte ich einige besonders hervorheben.

Von meinem Nachbarn Ernst Gerschinsky wurde das Namensschild meines Raumes R12 T02 F02 zum Einstand 1995 beschriftet. Kerstin Plüm hat es gerettet und mir als Readymade in einer kleinen Vitrine übermittelt. Für jemanden, der sich ziemlich häufig in seinem Büro aufgehalten hat, ist es beruhigend, das in Reichweite zu haben und dass es nicht als papierner Rest hängen geblieben bzw. entsorgt worden ist.
Vor einem monströsen, ziemlich verstaubten Band mit dem Titel Die abenteuerlichsten Wildwest-Geschichten war ich zunächst ratlos, auch wenn im Klappentext zu lesen war: „Für alle, die sich bei Indianern, Cowboys, Rangern, Desperados, Trappern und Goldgräbern auskennen.“ Da war ganz sicher nicht von mir die Rede. Im Inneren die Widmung als des Rätsels Lösung: „Es gibt im Leben noch mehr als die Kunst!“ Wie wahr. An den Schreiber dieser Weisheit, Piet Kremer, werde ich mich schon als sprachlich kaum zu entschlüsselndes Original der Region erinnern.
Die Zeche Zollverein tauchte als Foto noch einmal auf einem Buntpapier mit Grüßen von Maria-Theresia Kirchberg-Jeske auf, die für unsere Wünsche in der Bibliothek immer nicht nur ein offenes Ohr hatte. Auf einem eigenen Umschlag war „Nur vom Feinsten“ zu lesen. Was verbarg sich hier? Kaum zu glauben, ein Gutschein für Eis von „mörchens eis“ in der Rüttenscheider Straße. Noch ein triftiger Grund, wieder einmal nach Essen zu kommen.
Die Assoziationsfelder sind naturgemäß höchst unterschiedlich bei allen jenen, mit denen man es in der Universität zu tun hatte. Erst mit dem gezeichneten Selbstporträt von Holger Schiel wurde mir bewußt, was die Essenz meiner Lehre gewesen war. Inmitten von Büchern hat der Hörer seine Ellbogen auf weitere Bücher gestützt, und hinter ihm prangt ein Plakat, das sich zusammen mit einem von der Brille ausgehenden Schriftzug „...SEHEN.... LERNEN ....“ zum Kern der Anschauung verbindet: „ES GIBT NICHTS ZU SCHREIBEN!“ Offensichtlich habe ich diesen Satz als Glaubensbekenntnis ständig wiederholt, damit die Studierenden nicht immer auf ihre Hefte schauend, zufällige Notizen niederschreibend das Wichtigste, nämlich den optischen Befund aus den Augen verlieren sollten. Das Gehörte zu notieren verhindert logischerweise das Sehen. Etwas komplizierter kann man das bekannterweise bei Derrida nachlesen.
Ulrich Buse hat zu diesem Anlass auf seinen zündenden Strich verzichtet und ein Foto aus seiner Bibliothek geschossen, wo ein kleiner Buddha auf István Harigittais und Magdolna Harigittais Symmetrie blickt. Hinter einer rotlaubigen Vase schaut ein Velázquez vom Buchcover Martin Warnkes (Nah und fern zum Bilde) hervor -  vielleicht ein versteckter Hinweis auf Über Velazquez, den dritten Band der IKUD-Zeitschrift. Ergänzt wurde das Foto durch einen universitäts-kritischen Text von Vladimir Nabokov, in dem es heißt: „Wie gewöhnlich bemühten sich sterile Dozenten, ‚produktiv’ zu sein, indem sie die Bücher fruchtbarerer Kollegen rezensierten, und wie gewöhnlich war ein Haufen glücklicher Mitglieder dabei oder drauf und dran, die verschiedenen Drittmittel aufzubrauchen, die ihnen früher im Jahr zuteil geworden waren.“ Vielleicht kommt das jetzt noch auf mich.
Von drei Dekan-Generationen bin ich je nach Temperament beschert worden. Von Kurt Mehnert im witzigen Kontrast zu seiner eigenen Designer-Profession mit „einem kleinen Kulturgruß aus dem ‚ehemaligen’ Osten!“, nämlich eine „Menage“ des VEB Thüringer Schmuck Waltershausen, was sich als jeden Gelsenkirchener Barock in den Schatten stellende Salz- und Pfefferstreukombination in Form von kleinformatigen Plastikkannen zeigt. Gewissermaßen eine mein Selbstverständnis verkörpernde Kombination aus östlicher Provenienz und Wiener Form.
Ralph Bruder erinnerte sich mit seinem Geschenk einer CD-Gesamtaufnahme des Vogelhändlers von Carl Zeller mit den Wiener Symphonikern unter Willi Boskovsky mit Anneliese Rothenberger als Kurfürstin Marie und Walter Berry als Baron Weps an meine ironische Deklamation „Ich bin der Prodekan, ich bin der Prodekan“, als welcher ich neben dieser Melodie keine weiteren Leistungen vorzuweisen habe. Sein persönliches Schreiben, wie das vieler anderer, ist von Sympathie getragen, das großzügig manche Meinungsverschiedenheit zu übertünchen vermag.
Cordula Meier hat mir bei einem Abendessen zu fortgeschrittener Stunde den empörenden, vorwurfsvollen Satz hingeworfen: „Sie können ja mit jedem!!“ Angesichts der Schachtel muss ich ihr wohl recht geben. In Kenntnis meiner natürlich rein wissenschaftlich motivierten kulinarischen Interessen gab sie mir ein schweres Rundholz als Schneidebrett von Jamie Oliver für die Küche mit.
Auch Ulli Hein war einmal Dekan. Ihm verdanke ich ein Souvenir aus Wien, nämlich passenderweise eine gerahmte Tafel des Pensionistenverbandes aus der Alt-Josefstadt, also jenem Bezirk, in dem ich meine letzten Jahre zu verbringen gedenke. Darauf steht: „Willkommen im Club“.
Bei derselben Gelegenheit verehrte mir Hermann Sturm das Zahlenquadrat meiner letzten Lebensjahre (www.zaunschirm.de/archiv.html#Zum) und eine klassische schwarze Edition aus dem Jahre 1977 über „Kunst und Design“ & Folkwang. Gleich der erste Satz lautet: „Hat sich nichts geändert?“ Manches wiederholt sich immer wieder.

Wie gesagt, hier greife ich nur einen Teil heraus, um die Vielfalt kreativer Gedankenführungen zu skizzieren. Auch künstlerische Geschenke bezeugen die Großzügigkeit der Kollegenschaft, ein Historischer Spritzer, ein sich den Vorgaben zweier Zielscheiben entziehender spontaner anthropomorpher „Einwurf“ von Jörg Eberhard; y5c7, das Foto einer beängstigend aufgeräumten Sitzgruppe auf frisch gemähtem Rasen von Jörg Sasse. Rolf Lieberknecht habe ich einmal gestanden, Probleme mit der Annahme von Geschenken zu haben. Deshalb händigte er mir ein paar Tage vor Semesterschluss, außerhalb der Kiste als Dauerleihgabe ein leicht schwebendes Wunder an Balance aus. Gerade im Verzicht auf jede Monumentalität regt es in seiner zugleich einfachen wie komplexen Konstruktion dazu an, in mich zu gehen.

Nicht zu vergessen die Lektüre-Empfehlungen von IKUD-Mitgliedern, die die Rufe an andere Orte angenommen hatten und von Kollegen, deren Wege sich mit meinem im schaurigen Labyrinth der Universität gekreuzt hatten. Noch vor wenigen Wochen ist es mir gelungen, einzelne Gebäudetrakte miteinander zu verwechseln und mich zu verirren. Norbert Bolz widmete mir sein bang design - design-manifest des 21. Jahrhunderts „mit Glückwünschen für die kluge Entscheidung“, nämlich den Ruhestand ein wenig vorzuziehen; Doris Schuhmacher-Chilla stellte eine kleine black box von Textausschnitten meiner Schriften zusammen, an denen allzu deutlich der Zahn der Zeit nagt. Georg Peez verdanke ich eine Ergänzung meiner Literaturangaben beim Projekt „lebendige Tiere in der Kunst“, nämlich ein mir entgangenes Buch des belgischen Ethologen Thierry Lenain mit dem Titel Monkey Painting. Seinen begleitenden herzlichen Zeilen wie auch anderer Kommentare entnehme ich erleichtert, dass man mir meine „ironische Distanz“ zum universitären Geschehen nicht wirklich übel genommen hat.
Der Romanist Roland Galle verehrte mir einen noch ungedruckten k.k.-spezifischen Text über Die Temporalisierung des Porträts im Roman der Jahrhundertwende, was sich auch auf ein gemeinsam veranstaltetes Seminar über das Porträt bezieht. Jürgen Junginger hat einen vier Jahrzehnte alten Text eines seiner Lehrer, Jörg Lampe, kopiert mit der Widmung des Autors „Vivat Austria! 14.9.67“ An Lampe kann ich mich gut erinnern, wie er seinen Ruhestand in Salzburg genossen hat. So schließen sich immer wieder Lebens-Themen-Kreise.

Susanne Düchting hat ein Filmstill gerahmt, aus dem großartigen Fish swimming back and forth mit dem Untertitel Thank .. you .. very .. much!!!

    Mehr bleibt mir nicht zu sagen.

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