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Über
Thomas Bernhards Alte Meister
NEUES vom HOLZFÄLLER
In: Parnass November/Dezember 1985, H.6, S.66-71

Nach den Rezensionen der Kulturberichterstatter und Kraftworten der
Politiker nimmt ein Kunsthistoriker zu den brutalen Attacken auf seinen
Berufstand Stellung. Sein Schluß: das Schimpfen hat gute Gründe.

"Andererseits müssen wir zugeben, daß wir ja gar nicht
wissen können, was wirklich große Malerei ist." Reger
in Alte Meister/226
I.
Kaum liegt ein neuer Thomas Bernhard auf, finden sich
schon mehr oder weniger prominente Opfer, die ihn bereitwillig angreifen.
Gleich nach Erscheinen der ersten Besprechungen berichten die Medien
von ziemich entbehrlichen Analysen, werden Leserbriefe abgedruckt, die
anprangern, was nicht behauptet worden ist, und Karikaturen anscheinend
mit Kriterien der Realismus-Debatte des 19. Jahrhunderts messen. Wer
sich auf diese Weise in seiner Selbstgewßheit verunsichert wähnen
will, geht am Wesentlichen vorbei: Thomas Bernhard hat mit Alte Meister
ein beglückendes Buch geschrieben.
Er könnte Österreich lieben, aber nicht so, wie es sich nicht
nur professionellen Nörglern präsentiert, und er liebt den
Menschen, aber nicht alle, wie sie halt so sind. Besonders schätzt
er den Österreicher, weil er ihn wie keinen anderen beschimpfen
kann.
Zyniker stellen bisweilen die Frage, ob man im entscheidenden Fall eher
ein (eigenes) 100-Millionen-Bild oder ein (fremdes) Kind aus den Flammen
eines brennenden Hauses retten würde. Bernhard würde dies
nicht einmal ironisch beantworten: ihm beziehungsweise seinem Reger
in Alte Meister gilt ein Leben mehr als die ganze Kunst. Das Werk ist
ein Paradebeispiel ethischer Dialektik mit doppeltem Boden. Wache Zeitgenossen
mag es zur Identifikation anregen, nicht nur, aber auch, weil "da
einer hemmungslos und unverschämt die innere Sau herausläßt
.... das ganze Wut-, Klage-, Enttäuschungsgeheul, das wir immer
so beflissen und säuberlich herunterschlucken" (Reinhard Baumgart
in der FAZ vom 14. September 1985). Hinter den erbarmungslosen Tiraden
leuchtet ein Mitgefühl, wenn auch kein Trost auf. Karin Kathrein
(Die Presse, 11. Sept. 1985) sieht darin ein (neues) wesentliches Merkmal
Bernhards: "... jähe Gesten der Zärtlichkeit, Zeichen
der Kontaktsuche und der Trauer um den anderen". Wogegen er auch
immer geifert, er ätzt elegant, und es betrifft weniger die jeweiligen
Objekte als geübte Aneignungsweisen. Endlich opponiert einer gegen
den Weihrauch, mit dem die Musenpriester seit jeher den Blick der Betrachter
auf das Werk zu verschleiern trachten. Hätte er dabei nicht wirkungsvoll
überzeichnet, wie vielen wäre dieser notwendige Ansatz wohl
entgangen? Es wirken täglich dürftigere Indoktrinationen.
II.
Bernhard nennt Alte Meister eine "Komödie", "die
in Wahrheit eine Tragödie ist, wie Sie sehen werden" (Der
Theatermacher). Die Hauptfigur, der Musikkritiker Reger hat den Tod
seiner Frau nicht verwunden und hätte sich umbringen müssen;
"wenn wir ehrlich sind, können wir überhaupt nichts mehr
tun außer uns umbringen, da wir uns aber nicht umbringen"
(Der Theatermacher), leben wir. Übrig bleiben die, auf die Bernhard
nicht gut zu sprechen ist. Selbstmord ist das bewegende Grundmotiv:
"Die Besten bringen sich um ..." (Holzfällen). Die dafür
zu schwachen Besten erkranken wenigstens, TBcetera.

Tintoretto: Bildnis eines weißbärtigen Mannes
"Bordone ... unbedeutend, Tintoretto, nun ja..."
Aus der lächerlichen, seine Umwelt tyrannisierenden Figur des
Theatermachers Bruscon wird der leidende, kultivierte Gewohnheitsmensch
Reger. Hatte Bruscon eine österreichische Urgroßmutter Irrsiegler,
klingen Regers Ansichten im burgenländischen Museumswärter
Irrsigler wieder, der ihm seit 35 Jahren die Bank im Bordonesaal des
Kunsthistorischen Museums vor Tintorettos Weißbärtigem Mann
freihält, wenn er alle zwei Tage außer an Montagen dorthin
kommt.
Bruscon kannte noch Kompromisse, weil er ein egomanischer Staatsschauspieler
war, der 82jährige Museumshasser Reger hingegen findet Unzulänglichkeiten
selbst bei den unsterblichen Großmeistern aller Zeiten. Hierbei
ereignet sich das Fest der Verweise und Rügen in eindrucksvoller
Erbarmungslosigkeit. In Ritter, Dene, Voss war der Bildbeschimpfer Voss
(Wittgenstein) noch eine Figur aus dem Irrenhaus, und seine Familie
nannte Bernhard "Worringer", weniger in Anlehnung an den berühmten
Kunsthistoriker Wilhelm Worringer (Abstraktion und Einfühlung,
1905), als auf Verworrenheit anspielend. Der Widmung "Darunter
haben wir immer gelitten unter diesen häßlichen Bildern"
folgt jetzt die konsequente Abrechnung. Bernhard greift immer weiter
aus, von Mal zu Mal rücksichtsloser oder freier, je nachdem. Galt
bei Voss noch "Musik ja, Malerei nein", landet nun alles,
die Kunst schlechthin, auf dem Müll.

Tizian: Kirschenmadonna
"Keinem einzigen der Befragten hat das Bild je gefallen, alle bestaunten
es nur wegen seiner Berühmtheit, keinem sagte es wirklich etwas."
Bereits auf der ersten Seite bekommt Tizian seinen Teil ab, da Atzbacher,
der unter einem "Nichtveröffentlichungszwang" leidende
Fast-Icherzähler, schreibt, um Reger auf der Bank zu beobachten,
müsse er ihn in Kauf nehmen. Zu beachten ist der Umstand, daß
Bernhard schreibt Atzbacher schreibe, Irrsigler spreche, was Reger meine.
Wer hier stolpert und glaubt, Bernhard sage, was zu lesen ist, dem ist
nicht zu helfen. Kann man Dichtung wörtlich nehmen? "Wir brauchen
einen Dummkopf als Sprachrohr", sagt Reger über Irrsigler.
Niemand schreibt so selbstverständlich wie TB, als ob jeder so
schreiben könnte. Niemand allerdings liest so wie alle anderen.
Reger etwa blättert lieber um, als er liest, er ist "ein hochgradig
talentierter Umblätterer", denn "wer alles liest, hat
nichts begriffen, sagte er".
III.
TB verficht, wie nie zuvor, kompromißlos Götzenfreiheit.
Nur selten sackt seine wiederholungsleiernde melodische Prosa in dreiste
Banalität ab, so wenn er Regers Verwandtschaft mit dem verhöhnten
Stifter (dem literarischen Umstandsmaler und Kitschmeister, dem langweiligsten
Autor mit einem stümperhaften und verlogenen Stil), Bruckner (mit
seinem religiös-pubertären Notenrausch und stupiden, monumentalen
orchestralen Ohrenschmalz) und Heidegger (dem lächerlichen nationalsoziallstischen
Pumphosenspießer und verheerend größenwahnsinnigen
Voralpenschwachdenker) ins Spiel bringt. Entgegen dem Buchtitel und
dem Ort des Geschehens wird "bildende" Kunst nur am Rande
behandelt und ist damit Nebensächlichkeit in diesem Bildungsdrama
- Inhalte bedeuten hier nichts. Weniger die Alten Meister werden beschimpft
als die die darüber geistlos Schwätzenden, in erster Linie
die Kunsthistoriker, die den Menschen die Kunst austrieben und mit der
Peitsche aus der Kunstwelt verjagt gehörten. "Die Kunsthistoriker
schwätzen so lange über die Kunst, bis sie sie zu Tode geschwätzt
haben." Sie seien die eigentlichen Kunstvernichter.

Dürer: Allerheiligenbild
"Doch immer nur Staatskunst, wie dieser schreckliche Ur- und Vor-Nazi-Dürer,
der die Natur an die Leinwand gestellt und getötet hat, dieser
schauerliche Dürer, ... dieser Nürnberger Ziselierkünstler."
IV.
Tatsächlich ist Alte Meister in vielen Passagen atemberaubend
komisch, alles in allem aber eine Komödie der Künste, eine
"commedia dell'arte", wenn man will. Regers Umgang mit der
Kunst betrifft sein Leben und nicht nur seine Interessen. TB verhöhnt
die Chimäre eines wissenschaftlichen, d. h. objektiven Umgangs
mit der Kunst, der darauf hinausliefe, daß es gleichgültig
wäre, wer sich mit einem Objekt befasse. Diese altmodische Sicht,
aus der es nur graduelle Qualitätsunterschiede kunstgeschichtlicher
Betrachtungsweise gibt, nämlich eher falsche oder doch wieder angemessen-richtige,
ist praktisch längst ad absurdum geführt, auch wenn sich das
Gros der Kunsthistoriker vermutlich aus ethischen Gründen gegen
diese Einsicht wehrt. Für diese humorlose Spezies erscheinen TB's
Verdikte sicher als ungeheuerliche Entgleisungen. Aber auch die Kunstgeschichte
demontiert zunehmend die Tabuzonen, was man allgemein kaum zur Kenntnis
nimmt.

Veronese: Lukrezia
"Diese widerlichen Venezianer, die sich mit jeder Pfote, die
sie gemalt haben, an den katholischen Voralpenhimmel anklammern, sagte
er jetzt ... und ich sage Veronese, schön, aber der gute Mann hat
kein natürliches Gesicht malen können."
Je unübersichtlicher die kunstgeschichtliche Forschung wurde,
je weniger man hoffen durfte, irgendwann einmal zu einem gültigen
Überblick zu finden, desto mehr hat man sich in der Wissenschaft
auf Ersatzbefriedigungen konzentriert. Das nannte man dann Rezeptionsforschung,
interdisziplinären Methodenwandel, wissenschaftstheoretische Reflexion,
womit man Sackgassen und gesellschaftlich irrelevante, trocken-hermetische
Langeweile umschrieb.
Andererseits gab es immer wieder aufgeweckte Köpfe, die sich etwas
Neues einfallen lie€en. So besah man sich den Mann mit dem Goldhelm
bei seitlichem Licht in Schwarz-Weiß ganz nahe und lag damals
in den 50er Jahren auf der informellen Welle. Dagegen sucht man seit
einigen Jahren bei Michelangelo und Tizian, bei Tintoretto und Rembrandt
und vielen anderen die Farbe zu entschmutzen, um überrascht wilde
Buntheiten feststellen zu müssen - ganz im Sinne der heftigen Malerei
dieser Jahre.

Rembrandt: Mutter des Künstlers
"Was ist Rembrandts gemaltes Gesicht seiner Mutter gegen das
tatsächliche Gesicht meiner eigenen."
Ein Nebengleis dieser respektlosen Wissenschaftlichkeit besteht darin,
daß sich die Forscher von allgemeingültigen Behauptungen
zu distanzieren suchen, indem sie das Werkverzeichnis, von Dürer
oder Rembrandt radikal in Frage stellen und kürzen, worunter auch
der erwähnte Mann mit dem Goldhelm fallen könnte. Da werden
auf Kongressen eigene Sektionen für "Fälschungen"
eingerichtet, in denen die Kostbarkeiten großer Museen in neuem
Licht beäugt werden und so manches Schmuckstück nicht mehr
als Renaissance-Juwel präsentlert, sondern als Halbedelstein des
Hstorismus im 19. Jahrhundert ins Depot verbannt wird. Unlängst
prallten auf einem Symposion die Meinungen aufeinander, ob die Apsisskulpturen
von Schöngrabern dem 13. oder 16. Jahrhundert zuzuweisen sind.
Vor allem wird der Mythos großer Namen zerstört, an den sich
verzweifelt Generationen in ihrem Genie- und Selbstverständnis
festgeklammert hielten.
Plötzlich mag es unbeschwerten Nachwuchsforschern wie Schuppen
von den Augen fallen, wenn sie, dem Kölner Renaissance-Fälscher-Forscher
Hans Ost folgend, das Turiner Selbstportrait Leonardo zu entziehen haben
und erfahren, welche Fälscherbrigaden durch Jahrhunderte ihr Wesen
trieben. Und vielleicht werden sich die raffinierten Ausstellungsmacher
und -strategen eines Tages selbstkritisch fragen, warum sie das Publikum
mit Duplikaten romanischen Kunstgewerbes oder ägyptischer Grabbeigaben
in magisch beleuchteten Vitrinen getäuscht haben.
 Abb.
links:
Reni: Die Taufe Christi
"Reni - geschmacklosester aller hier ausgestellten Maler"
Abb. rechts:
Mantegna: Hl. Sebastian
"Wenn Sie sich, wie ich vorgestern, eine Stunde lang vor dem Mantegna
aufstellen, haben Sie plötzlich Lust, diesen Mantegna von der Wand
zu reißen, denn Sie empfinden ihn auf einmal als eine ganz große
gemalte Gemeinheit"
Noch raunt es in den Seminaren, doch bald wird der Protest hörbar
erschallen, und man wird sich vom Geniekult der großen Namen,
den man sich aus dem 19. Jahrhundert sorgsam in die Moderne herübergerettet
hat, lösen wollen, weil die Evokation künstlerischer Legende
keine Einsichten vermittelt. Wenn den Museen ihr sakraler Charakter
eines Tages abhanden kommt und die Touristenhorden mit Hüten auf
den Köpfen statt in den gefalteten Händen durch die Säle
brausen, wird man auch an den Universitäten und in Bildungszirkeln
verstehen lernen, daß nicht Kunstwerke Antworten diktieren, sondem
Besucher fragen müssen. Nicht wie die Kunst ist, erweckt einen
Funken Interesse, sondem was der einzelne damit anzufangen weiß.
Man wächst nicht sukzessive in die Geschichte der Kunst hinein,
sondem muß sich selbst aus den umherliegenden Trümmern sein
Gebäude errichten, in dem man leben und sich mit seinen Gästen
gemütlich einrichten kann. Wenn man einem Fremden nicht blind vertraut,
warum sollte man Kunstwerken irgendeinen Kredit einräumen, ohne
sich von der Bonität vorher überzeugt zu haben?
Die Wissenschaft muß hier Kreativität von den Künstlern
lernen, von den bildenden oder den Dichtern. Thomas Bernhard hat wieder
einmal gespürt, wo es lang geht und mit Instinkt hat er das Problem
auf seine frivole Art gelöst. Sein neues Buch Alte Meister räumt
einem kultivierten Quatschkopf das Recht auf die unterbewußt so
lange ersehnte Freiheit und Frechheit in Belangen der göttlichen
Künstler ein. Eine neue Disziplin der Kunstbetrachtung entsteht:
die Fähigkeit der Abwertung "großer" Kunstwerke.
Sie befindet sich erst im keimenden Stadium, eine große Zukunft
steht ihr bevor.
In Reger finden wir den Prototyp dieses schöpferisch-kritischen
Künstlers. Im übrigen schließt er an die Kunstgeschichte
des 19. Jahrhunderts an, bevor die Kunsthistoriker (wie Alois Riegl)
auf ihren eigenen Geschmack zu verzichten müssen glaubten. Der
damit angerichtete Schaden muß wohl, wenn auch nicht so freizügig,
wie in Alte Meister, behoben werden.
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