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Bedeutungslehren und Abbildtheorien

Erwin Panofsky (1892-1968) entwickelte mit der Ikonologie eine Bedeutungslehre der Kunstgeschichte. Während sich die Kunst der Avantgarde von der Abbildhaftigkeit entfernte, wurde die Bedeutung gerade darin verankert. Wie sehr diese Konstruktion dem Denkstil des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts entsprach, zeigen die Bemühungen in der Philosophie von Edmund Husserl (1859-1938) und Ludwig Wittgenstein (1889-1951) sowie in der Biologie von Jakob von Uexküll (1864-1944).

1.


Konnte man als Kunsthistoriker Jahrzehnte lang durch genaue Datierung von Bau- und Bildwerken überraschen („Diese Pestsäule ist eindeutig von 1723“), wollte das Publikum danach bis heute durch die Lösung von Geheimnissen unterhalten werden. Bilder vor der Renaissance erschienen noch einigermaßen klar, wenn man die Geschichten der Bibel und Heiligen mit ihren Attributen kannte. Was aber bedeuten die „Melencolia I“ von Albrecht Dürer, Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ oder Giorgiones „Drei Philosophen“? Über die Bedeutung solcher Rätselbilder grübelten Generationen von Forschern nach. Dass es keine eindeutige Interpretationen als Antwort auf diese Erwartungshaltung gibt, hängt mit dem Bildbegriff der Bedeutung zusammen.

Hier gibt es viele offene Fragen. Inwiefern führt die Logik des Bildes (wörtlich Ikonologie) zur Bedeutung? Wie entsteht die Bedeutung einer bestimmten Form? Ist sie von vorneherein da und muss als solche nur erkannt werden? Beruht das Verstehen darauf, die eigene Denkweise zu überwinden, um eine andere begreifen zu können? Muss man angesichts unterschiedlicher Formen die Vorurteile auf immer andere, entsprechende Weise überwinden – und woher weiß man, ob es die jeweils richtige Denkweise ist? Seit wann fragt man überhaupt nach Bedeutungen, die den eigenen Wahrnehmungshorizont übersteigen? Kunsthistorikern stellen sich solche Fragen nach dem Sinn, nach der „Bedeutung von Bedeutung“ (C. K. Ogden – J. A. Richards, 1923; Hilary Putnam, 1975) kaum. Sie bringen uns scheinbar nicht weiter. In der Semantik hätte man am liebsten schon vor Jahrzehnten „Bedeutung“ aus dem Wortschatz verbannt, wie in den neunziger Jahren in der Hirnforschung das „Bewußtsein“.

Mit der Ikonologie hat das Fach eine Bedeutungslehre ausgebildet, die auch dann brauchbare Ergebnisse liefert, wenn man sich dem Schematismus von Erwin Panofsky, des berühmtesten Kunsthistorikers des 20. Jahrhunderts, nicht fügt. Eine wichtige Voraussetzung der Ikonologie war die Erkenntnis, dass sich historische Wandlungen in Veränderungen nicht nur der Ideen, sondern auch der Raumauffassungen zeigen. Panofsky nannte dies „Perspektive als symbolische Form“ (1925). Bildwerke verschiedener Epochen und Kulturräume sind nicht im selben Raum der Interpreten entstanden. Anders ausgedrückt, beruht Bedeutung auf der Abbildung von Tatsachen in unterschiedlichen Umräumen und Umwelten. Solange nämlich ein einheitlicher Raum angenommen werden kann, entsteht die Frage nach sich verändernden Bedeutungen gar nicht.

Das erinnert an die Überwindung des flachen euklidischen Raumes durch die relativistische, vierddimensionale Raum-Zeit der Physik. Auch wenn schon lange bekannt ist, dass die methodenbildenden Kunstforscher sich voneinander auch durch eigene Raum-Zeit-Konzepte unterscheiden, bleibt eine solche Einsicht abstrakt und unanschaulich. Der notwendige Zusammenhang einer Bedeutungslehre mit dem Problem der Abbildhaftigkeit in verschiedenen Umräumen wurde weniger in der Kunstgeschichte oder in der Philosophie, als in der Biologie anschaulich.

Ein Jahr nach den „Vorlesungen über Bedeutungslehre“ von Edmund Husserl im Sommersemester 1908 veröffentlichte Jakob von Uexküll sein Buch „Umwelt und Innenwelt der Tiere“. Kernstück seiner sich daraus entwickelnden „Bedeutungslehre“ war die Einsicht, dass es keinen gemeinsamen Raum aller Lebewesen gibt. Vielmehr sei jedes Lebewesen an eine bestimmte Wohnwelt gebunden. Jeder Gegenstand erfahre in einer anderen Wahrnehmungswelt einen „Bedeutungswandel“. So werde etwa die „Bedeutung des Waldes vertausendfacht“, wenn man seine Beziehungen nicht auf Menschen einschränkt, sondern auch auf die Tiere ausweitet. Dabei bilde die Umwelt jedes Tieres eine in sich geschlossene Einheit. Jedes Ding wird dabei zu einem brauchbaren Bedeutungsträger umgeformt oder aber völlig vernachlässigt. Das Mit-, Gegen-, Neben- und Ineinander der verschiedenen Umwelten lasse Bedeutungen von Abbildungen entstehen.

Berühmt geworden ist die „Deutung des Spinnennetzes“. Hier findet sich eine erstaunliche Behauptung. Man könne das Spinnennetz als Abbild der Fliege bezeichnen. Wie unscharf der Begriff des „Abbildes“ auch sein mag, auf diese Feststellung wäre man als Kunsthistoriker nie gekommen. Formal gesehen ist das Spinnennetz keine Abbildung der Spinne, aber schon gar nicht der Fliege. Von Uexküll bezieht sich dabei auf den Funktionszusammenhang. Obwohl die Spinne nie Maß an einem Fliegenkörper genommen hat, wird die Größe der Maschen nach der Körpergröße der Fliegen berechnet und die Widerstandskraft der gesponnenen Fäden nach der Kraft ihrer fliegenden Körper. Die Fäden sind so fein, dass ein Fliegenauge das Netz nicht erblicken kann und das Opfer ungewarnt in sein Verderben fliegt. „Das Spinnennetz stellt einen Bedeutungsverwerter des Bedeutungsträgers Beute in der Umwelt der Spinne dar. Dieser Bedeutungsverwerter ist so genau auf den Bedeutungsträger abgestimmt, daß man das Spinnennetz als getreues Abbild der Fliege bezeichnen kann.“ („Bedeutungslehre“) Von Uexküll nennt das Zusammenspiel einen umfassenden Bedeutungsplan.

Die Suche nach der Bedeutung ist schwierig, sie ist nämlich nicht unmittelbar von dem Gesehenen ableitbar. „Wir werden immer wieder irregeführt, wenn wir das Maß unserer Welt in die Beurteilung der Tierwelten einführen wollen.“ Wenn „sämtliche Eigenschaften der Dinge im Grunde nichts anderes sind als Merkmale, die ihnen vom Subjekt aufgeprägt werden, zu dem sie in Beziehung treten,“ dann gibt es solche Eigenschaften nicht, wenn sie nicht in Beziehung stehen. Oder es erlangen Eigenschaften spezifische Merkmale, erst wenn sie (intentional) in Beziehung gesetzt werden. Darin liegt auch das für den Kunsthistoriker unbefriedigende Moment, dass die Suche nach der Bedeutung immer von den Formen wegführt, im Sinne von Uexküll in die „Umwelt“, im Sinne von Panofskys dreistufiger Ikonologie als „Bedeutungssinn“ vom „Phänomensinn“ weg hin zum weltanschaulichen „Wesenssinn“. Hier finden sich noch Anklänge an Husserls Phänomenologie mit der Voraussetzung, von vorgefassten Meinungen abzusehen und dem Ziel der „Wesensschau“.
In von Uexkülls „Bedeutungslehre“ spannt sich das Netz im Funktionsraum zwischen Bedeutungsverwerter (Spinne) und Bedeutungsträger (Fliege), wobei beide nicht das Abbild darstellen. „Bedeutung“ betrifft in diesem Fall auch nicht das Opfer, das in dem vom Verwerter instinktiv geschaffenen, ihm unsichtbaren Abbild seiner selbst gefangen wird. Für den Interpreten des Netzes ist es notwendig, dieses zunächst als Abbild im Zentrum eines bestimmten Raumes zu verstehen. Die Bedeutung kommt nicht der Fliege zu, obwohl deren „getreues Abbild“ das Netz ist. Die Bedeutung kommt auch nicht der Produzentin des Netzes zu. Weder Fliege noch Spinne haben eine in ihren festgeschriebenen Rollen liegende Bedeutung. Bedeutung hat das Netz nicht als formal bewundernswerte Konstruktion, sondern als Abbild einer ganz anders aussehenden Form, für die es geschaffen wurde, ohne in direkter Weise die Funktion zu verraten. Der Vorgang der Interpretation wird erst deutlich, wenn er den unklaren Zusammenhang von Bedeutung und Abbild aufzeigt. Im Abbild (Netz) treffen sich zwei völlig voneinander in Körperformen, Gewicht, Geschwindigkeit, Radius ihrer jeweils eigenen Umwelt unterschiedliche Lebensräume. Und doch passen sie zueinander wie ein Schlüssel ins Schloss, wenn man ihre Bedeutungsaspekte auf das eine Abbild bezieht.


2.


Unter „Abbildtheorie“ hat man in der Kunstgeschichte etwas ganz anderes verstanden – wieder anderes in der materialistischen Erkenntnistheorie. Erst 1932 verkündete der Wiener Otto Pächt in den „Kritischen Berichten“ ihr Ende. Dabei räumte er mit dem Vorurteil auf, dass man mit der Beschreibung eines Kunstwerkes dieses „abbilde“, d.h. sprachlich wiederhole. Der unüberbrückbare Riss zwischen Bild und Wort wurde damit methodisch bewußt. Hier lag die Bedeutung in der Abbildung des Bildes durch das Wort. Dies führte allerdings in der Kunstgeschichte zu keiner Bedeutungslehre. Die Beschreibung von Kunstwerken blieb trotzdem weiterhin die zentrale didaktische Aufgabe, um Werke miteinander zu vergleichen. Doch erscheint der Gewinn aus dieser mühsam-lehrreichen Übersetzungsleistung vage. Man suchte offensichtlich nach Regeln der Abbildung, als diese in der Kunst der Avantgarde längst keine Aufgabe mehr darstellte. Allerdings lernte man auf diese Weise auch über abstrakte Kunst zu reden.

Die unterschiedliche Bedeutung der Abbildtheorien wurde kaum reflektiert. Eine bezog sich auf die (mimetische) Abbildung der Wirklichkeit durch Kunst, eine andere auf die Abbildung der Wirklichkeit (auch der Kunst) durch Sprache. Ludwig Wittgenstein führte einen lebenslangen Kampf, um das Verhältnis von Abbild und Bedeutung wieder zu eliminieren, das er in seinem berühmten Frühwerk „Tractatus logico-philosophicus“ (1918) konstruiert hatte. Die Abbildtheorie des Sprachphilosophen fasste jeden Namen/Begriff als Abbild einer Tatsache. „Wir machen uns Bilder der Tatsachen.“ (2.1) In einer Tagebuchnotiz (27.3.15) schreibt er: „Das Bild kann eine Beschreibung ersetzen.“ (Pächt wird sich gegen die umgekehrte Behauptung wenden.) In der Folge geht es im Text darum, wie das überhaupt möglich ist, weil auch das Bild eine Tatsache ist. (2.141) Einen Ausweg aus dieser Lage bildet die Behauptung, dass im Bild und Abgebildetem etwas identisch sein muss, „damit das eine überhaupt ein Bild des anderen sein kann,“ (2.161) – und das sei „seine Form der Abbildung.“ (2.17) Was man sich unter dieser „logischen Form der Abbildung“ (2.2) vorzustellen hat, bleibt unklar. Wohlmeinende Kritiker haben gemeint, es gehöre einfach zum Begriff des Bildes, dass es ein Abbild von etwas sei. Ein Seitenblick auf von Uexkülls Spinnennetz als Abbild legt den Verdacht nahe, dass dies nur dann der Fall ist, wenn man nach der Bedeutung sucht. Für Wittgenstein ist die Bedeutung nicht vom Abbild zu lösen. Der Raum seiner Theorie war der „logische Raum“. (im Vergleich zu von Uexkülls Umweltraum und Panofskys Perspektiveraum) Zur sprachlichen Ikonologie wurde die Semantik/Semasiologie.

Die Bedeutung erhalten Worte, Begriffe, Namen zunächst durch ihre (magische) Form der Abbildung. Jahrzehnte später verhöhnt Wittgenstein diese Frage geradezu: „’Die Bedeutung des Wortes ist das, was die Erklärung der Bedeutung erklärt.’ D.h. willst du den Gebrauch des Worts ‚Bedeutung’ verstehen, so sieh nach, was man ‚Erklärung der Bedeutung’ nennt.“ („Philosophische Untersuchungen“/560) Nun wird er diesen gordischen Knoten jäh durchschlagen und die Funktionsfähigkeit eines Wortes nicht mehr mit einer „logischen Form der Abbildung“ erklären, sondern mit seinem Gebrauch und schließlich mit dem „Zeigen“. Ein Begriff sei dann nur noch wie ein Hinzeigen auf den entsprechenden Gegenstand („das da“). „Der Begriff der Bedeutung ...(stamme) aus einer primitiven Philosophie der Sprache.“ („Philosophische Grammatik“/56). Allerdings bettet er sie in den Handlungsraum ein. „Die Bedeutung der Worte, was hinter ihnen steht, bekümmert mich im normalen sprachlichen Verkehr nicht. Sie fließen dahin und es werden Übergänge gemacht von Worten zu Handlungen und von Handlungen zu Worten. Niemand denkt, wenn er rechnet, daran, ob er ‚gedankenvoll’ oder ‚papageienhaft’ rechne.“ („Bemerkungen über die Philosophie der Psychologie“) Den Übergang von der Sprache zu den Handlungen und retour bildet der kulturelle Rahmen. „Zu einem Sprachspiel gehört eine ganze Kultur.“ („Vorlesungen über Ästhetik“, 1938)

Wittgensteins dramatischer Verlust des Glaubens in die Abbildungsfunktion von Worten hat zugleich die Suche nach der Bedeutung beschädigt. Es beschäftigt ihn jetzt mehr die „Familienähnlichkeit“. Als ein Beispiel nennt er den Vergleich der Sprache mit einem Werkzeugkasten, in dem sich verschiedene Dinge befinden, wie Hammer, Nägel, Schrauben, Leim. Zwar unterscheiden sich Leim und Meißel formal voneinander, aber im Lichte des Werkzeugkastens bestehe eine „Familienähnlichkeit.“ („Vorlesungen über Ästhetik“)
Da in der Biologie von Uexkülls die Bedeutung außerhalb einer (mimetisch-ähnlichen) Abbildhaftigkeit im Funktionsraum begründet lag, war sie weniger gefährdet als Wittgensteins direkter sprachlicher Verweis im logischem Raum. Deshalb sucht er sie aus seiner Sprachphilosophie zu eliminieren und zu ersetzen. Warum konnte ein Wort nicht nur ein Wort eines Dinges sein und musste ein Abbild werden, damit es zu seiner Bedeutung wird? Die Rücknahme des Anspruchs, die Möglichkeit von Wort-Bedeutungen zu erklären, löste den „logischen Raum“ zugunsten des Wortspiels mit dem Hinzeigen auf Gegenstände und das Miteinander-in-Beziehung-Setzen (Leim und Meißel) auf.

Die Analogien und Unterschiede der Bedeutungslehren und Abbildtheorien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigen einen Denkstil auf. Lag der spätere wissenschaftliche Fortschritt darin, dass man in den drei Fächern, der Ethologie, der Sprachphilosophie (Semantik, Semasiologie) und der Kunstgeschichte den undeutlichen Konnex von Abbild und Bedeutung zu lösen imstande war? Die Ethologie, die vergleichende Verhaltensforschung der letzten Jahre scheint sich, wenn man die Erfolge von Bestsellern als Maßstab nimmt, der Grenze von Tier und Mensch zu widmen. Die Sprachphilosophie hat sich in verschiedene Richtungen der Phänomenologie, der Hermeneutik, des Pragmatismus und des Strukturalismus entwickelt, die kein einheitliches Bild ergeben.

Wahrscheinlich gibt es auch heute wieder Gemeinsamkeiten in den Forschungszielen verschiedener Fächer, also so etwas wie einen „Denkstil“. Manche ambitionierten Großprojekte der Kulturgeschichte widmen sich in den letzten Jahren der Klärung des Bild-Begriffs oder dem Anlegen von Bild-Archiven für ikonografische Fragestellungen. Unser Rückblick legt die Vermutung nahe, dass sie nicht zuletzt ein nostalgisches Methoden-Revival alter Abbildtheorien und Bedeutungslehren sind.

 

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