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Wolfgang Ullrich: Was war Kunst?
(2006) Derzeit produziert ein deutscher Unternehmensberater in lockerer Folge ein Buch nach dem anderen, von denen bald einige zum Lektürekanon für Kunsthistoriker zählen werden. Das kann nicht wirklich erstaunen. Die Zeiten, in denen Kunstkritiker oder Museumsdirektoren ein abgeschlossenes Kunstgeschichte-Studium vorzuweisen hatten, sind längst vorbei. Darüber muss man nicht traurig sein. Denn die antiquierte, alten Gewohnheiten folgende Ausbildung geht am Bedarf des Berufslebens vorbei. Wolfgang Ullrich, Jahrgang 1967, hat schon jetzt ein Œuvre vorzuweisen, um das ihn die meisten etablierten Professoren beneiden müssten: Mit dem Rücken zur Kunst (2000), Geschichte der Unschärfe (2002), Tiefer hängen - Über den Umgang mit Kunst (2003), Uta von Naumburg (2005).* Bevor man mit der Lektüre von Was war Kunst? (Fischer 2005) beginnt, mag man kurz den Etikettenschwindel des Titels bedauern. Ullrich behauptet nämlich nicht, dass es mit der „Kunst“ vorbei sei. Er zeigt, dass der Gebrauch des Wortes „Kunst“, unsere entsprechenden Erwartungen und Vorurteile alle auf lange Traditionslinien zurückblicken. Diese Diskurs-Abhängigkeiten auseinandergesetzt zu bekommen, bedeutet einen großen Gewinn. Über das Ende der Kunst hat man schon ewig lamentiert. Ein amüsanter Höhepunkt des Buches betrifft Wilhelm Pinder, der dieses Ende ausgerechnet am „Sündenfall“ des Genter Altars der Brüder van Eyck feststellte, also in die Zeit der beginnenden Renaissance, als sich der neuzeitliche Kunst-Begriff erst langsam zu entwickeln begann. Welcher Profi ist nicht schon oft darüber verzweifelt, wenn er mit der Erwartung konfrontiert wurde, „Kunst“ zu erklären, oder hat sich über sein eigenes Scheitern geärgert, gerade diesen Müll oder jenes Geschmiere als Kunst zu bestimmen. Die Unbeschreibbarkeit - damit beginnt das elf Kapitel umfassende Taschenbuch - ist selbst ein Qualitätsmerkmal. Vom auf das antike „nescio, quid“ zurückgehenden, ursprünglich das Geheimnis Gottes bezeichnenden, sich zum „Je ne sais quoi“ am französischen Hof zu einer Floskel der Konversation wandelnden Wort, mit der man stammelnd die Schönheit umschrieb, ohne sie genau definieren zu können, blieb in unseren Tagen die laienhafte Unsicherheit zurück. Die Kehrseite dieser manchmal wie „Das unschuldige Auge“ von John Ruskin auf Fußnoten zurückgehenden Mosaiksteine unserer Haltung gegenüber der Kunst betrifft die historische Darstellung. Weil vieles wie Winckelmanns „Edle Einfalt - stille Größe“ oder Nietzsches Gegensatz von „Apollinisch - Dionysisch“ bis in die Antike verweist, wird überspielt, wie sich der Kunst-Begriff allmählich aus dem Handwerk herausgebildet hat. Dadurch wird weiterhin eine Kontinuität suggeriert, gegen die das Buch an sich angelegt ist. Kunst hatte einen Anfang, weshalb sie auch wieder ein Ende hatte, hat oder haben wird. Die Geschichte vom Finale bleibt diesem Standardwerk zum Trotz weiterhin zu schreiben. Auch fehlen bestimmte Schlagworte, wie „der gute Geschmack“, „das Gesamtkunstwerk“, die vom Autor andernorts behandelt werden. Dass Wilhelm Worringer - wie schon so oft zu Unrecht - die Entdeckung der Abstraktion für seine zeitgenössischen Künstler zugeschrieben wird oder dass sich manche Ungenauigkeiten eingeschlichen haben, kann man großzügig übersehen. Auch das neueste, etwas heterogene Werk Bilder auf Weltreise - Eine Globalisierungskritik (2006) ist flotter formuliert und ideenreicher als die meisten ausschweifenden kunsthistorischen Elaborate. *http://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Ullrich_(Kunsthistoriker) .
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